Herr Prof. Fornara, der von Ihnen als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) geleitete Kongress in Dresden steht unter dem Motto: „Tradition, Innovation, Verantwortung.“  Sie selbst leiten die urologische Universitätsklinik in Halle. Welche besonderen Traditionen in der Urologie verbinden Sie mit diesen beiden Städten und was mit „Tradition in der Urologie“?

Mit Halle habe ich das Glück, eine der traditionsreichsten Urologischen Universitätskliniken in Deutschland zu leiten, hallesche Urologen wie Kneise und Stolze haben die Urologie hier entscheidend geprägt, und in Dresden entwickelte der Arzt Maximilian Nitze 1879 bahnbrechend ein „Cystoskop“ zur Spiegelung der Harnblase. Auch die pharmazeutische Firma Apogepha, Hersteller urologischer Präparate, hat hier eine bis in die Kaiserzeit hineinrechende Tradition. Ganz allgemein hat die Urologie als eigenständiges Fach über die Operationen von Steinerkrankungen im Mittelalter bis zurück zur Erwähnung durch Hippokrates starke Wurzeln. Diese sind aber auch beste Voraussetzung für Innovationen.

Wo sehen Sie Innovationen in der Urologie und wo besteht Handlungsbedarf?

Geht man über die wichtigen, rein wissenschaftlichen Fortschritte in der Urologie hinaus, so dürfen generelle und übergreifende Entwicklungen und Erfordernisse nicht übersehen werden! So wird der Kongress das Vorantreiben der individualisierten Medizin widerspiegeln. Sie betrifft die auf den einzelnen Patienten maßgeschneiderte Prävention sowie seine Diagnostik und Therapie. Das betrifft die Kliniken ebenso wie die niedergelassenen Urologen. Ein “trial and error“ zu Lasten des Patienten muss der Vergangenheit angehören. Rückständig, auch international gesehen, ist bei uns die Digitalisierung. Davon ist zwangsläufig auch die Urologie betroffen – in den Kliniken wie in unseren Praxen. Andere Länder machen es uns vor, wie gut Digitalisierung bei der Verzahnung von Praxis und Klinik funktionieren kann. Aber auch für den Patienten ergeben sich direkte Vorteile, nicht nur beim Management von Rezepten. Im weiteren Sinne fällt auch die Datenerhebung für eine notwendige Versorgungsforschung in diesen Bereich. Die bei uns diskutierten Datenschutzbedenken sind andernorts offensichtlich gelöst.

Was sehen Sie als persönliches Highlight Ihrer Präsidentschaft an?

Hier denke ich an das Thema „Transplantations-Gesetzgebung“, und damit kommen wir zu dem Wort „Verantwortung“ in unserem Kongress-Motto, das dort nur formal an dritter Stelle steht. Verantwortung heißt für mich einzutreten für jene, die selbst keine Möglichkeit haben, sich zu artikulieren. Dies betrifft bei uns Organspenden und die Organ - Transplantationen. International wie europäisch gesehen  liegt Deutschland mit seiner Anzahl verfügbarer Spenderorgane ganz am Schluss. Das bedeutet zum Beispiel für einen zur Nierentransplantation vorgesehenen Patienten nicht nur eine unerträglich lange Wartezeit unter Dialyse. Eine lange Dialyse hat auch schlechtere Transplantations-Ergebnisse zur Folge. Das zeigt sich im internationalen Vergleich ganz deutlich.

Was ist am Transplantationsgesetz in Deutschland problematisch?

Wir haben hier gesetzlich die „Entscheidungslösung“ und deren „Erweiterung“. Konkret bedeutet das zum Beispiel, ein Einverständnis zur Organentnahme vom zuständigen Angehörigen eines bei einem Unfall plötzlich Verstorbenen einzuholen. Dies ist in einer solchen Situation weder zumutbar noch praktikabel. Es betrifft auch viele potentielle Spender, die zu Lebzeiten sagen: „Es ist mir doch nach meinem Tod egal, was mit mir passiert!“

Was haben Sie hier in die Wege geleitet?

Ausgangspunkt, war eine von mir vorgeschlagene und von der Deutschen Gesellschaft für Urologie getragene Thematisierung des Organspendemangels Anfang des Jahres und unsere Forderung nach einem Maßnahmenpaket. Andere Fachgesellschaften und der Deutsche Ärztetag folgten dieser Initiative.

Inzwischen befasst sich das Gremium der Bundesgesundheitsminister damit, die Widerspruchslösung neu zu definieren. Ich betrachte es durchaus als persönliches Highlight, dass wir dies als Urologen auf den Weg gebracht haben und hier eine Vorreiterrolle im besten Sinne von Tradition, Innovation und Verantwortung spielen.

Herr Prof. Fornara, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen einen erfolgreichen Kongress in Dresden!

Das Interview führte Dr. med. Walther Grohmann