Der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) findet in diesem Jahr vom 18.- 21. September in Hamburg unter Leitung des Präsidenten der DGU, Professor Dr. Oliver Hakenberg statt. Über 7000 erwartete Teilnehmer werden unter dem Kongress-Motto „Mensch - Maschine - Medizin - Wirtschaft“ zusammenkommen und diskutieren. Was steht hinter diesem großen Kongress und seinem Motto? Professor Hackenberg nimmt hierzu Stellung.

Herr Professor Hakenberg, der Mensch steht an erster Stelle, auch im Motto dieses Kongresses. Als Mensch sind auch all jene, die für die Patienten da sind, also Pflegekräfte, Ärzte und Weitere angesprochen. Dass der Arzt als Mensch vor allem für die Patienten da sein soll, wird unter Bürokratisierung und wirtschaftlichen Zwängen in der Medizin zunehmend hinten angestellt. Welche Probleme müssen bei dieser Entwicklung angegangen werden?

In der Tat machen immer kompliziertere Regelungen, Zertifizierungen und Vorschriften den Ärzten das Leben schwer. Ein schon klassisches Beispiel ist die bei der Zirkumzision geforderte Fotodokumentation nebst Histologie -  als müsse hiermit den „geldgierigen  Operateuren“ ein Riegel vorgeschoben werden. Ein Zurückfahren zu einer Vereinfachung erfolgt bei Allem nicht. Handlungsbedarf wäre vor allem von Seiten der KV angezeigt, die sich mehr als Kontrollorgan satt als Vertretung der Interessen ihrer Ärzte versteht. Zu einem  schlagkräftigen, kollektiven Widerstand der Ärzte kommt es nicht, wie uns die Vergangenheit leider zeigt. Am ehesten sind noch Verhandlungen mit der KV im Vorfeld durch Gruppierungen erfolgreich.

Der Begriff „Maschine“ hat heutzutage eine gewaltige Erweiterung erfahren: diese geht von der Automatisierung über den „Roboter“ bis hin zur „Künstlichen Intelligenz (KI)“. Dem kann sich auch die Medizin nicht entziehen. Welche Vorteile kann der behandelnde Arzt erwarten und welchen Gefahren bei ihrem kommenden Einsatz müssen wir schon jetzt entgegentreten?

Die Fortschritte in der Bildgebung und Kombinationen wie Fusionsbiopsie oder synchrone Punktion unter Bildgebung sind Ihnen ja bekennt, auch die Roboter – assistierte Operation. Problem bei letzterem, sicher zukunftsträchtigen, Verfahren sind derzeit jedoch die sehr hohen Kosten. Diese werden  sich wohl erst senken lassen, wenn hier mehrere Mitbewerber als Anbieter auftreten. Bei einer Prognose für die KI in der Medizin bin ich zurückhaltend. Sie könnte ihren Einsatz bei der Bildgebung und in der Histologie finden. Am Ende der Kette wird aber immer der erfahrene Arzt mit seiner Beurteilung und Entscheidung stehen. Leider gibt es von Seiten der Politik zu diesem Thema „Maschine“ viele leere und unzutreffende Versprechungen, die falsche  Erwartungen bei unseren Patienten fördern. Dem müssen wir, wo immer wir es als Ärzte können, entgegentreten!

Die Medizin steht mit all ihrem Fortschritt, so auch in der Urologie, im Mittelpunkt des Kongresses. Was sind hier für Sie die „Highlights“?

Highlights werden auf dem Kongress sicher fachübergreifende Foren sein, bei welchen es zu einem intensiven Erfahrungsaustausch der Urologen mit den zusammenarbeitenden Fachkollegen wie den Radiologen, Nuklearmedizinern, Gynäkologen und Nephrologen kommen wird, so dass offen Fragen aus verschiedener Sicht beleuchtet und diskutiert werden können. Großen Zuspruch erwarte ich auch bei den Filmen von Operationen, welche bei der Vorführung vom anwesenden Operateur kommentiert werden und die anschließend mit ihm diskutiert werden können.

Der Überbegriff „Wirtschaft“ zeigt ein großes Problem in der medizinischen Versorgung auf: Der Arzt will seinen Patienten bestens nach gewissenhafter freier Entscheidung behandeln und steht dabei im Spannungsfeld vorgegebener Gesetzte und wirtschaftlicher Zwänge, die auch durch eine Privatisierung medizinischer Einrichtungen keineswegs verbessert werden. Was liegt im Argen und wo sollten Änderungen angegangen werden?

In unserem Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahren extrem auf die Sparbremse getreten. In Folge davon werden in den niedergelassenen Praxen gegen Ende des Quartals nicht mehr alle erbrachten Leistungen bezahlt. Dieses System führt dazu, dass nicht-dringliche Leistungen auf das darauffolgende Quartal verschoben werden. Wenn hier nicht Gelder zur Verfügung gestellt werden, um alle erbrachten Leistungen tatsächlich auch zu bezahlen, sehe ich kein Ende dieses systembedingten Unsinns. Bei den Krankenhäusern ist das Problem, dass bei den Ländern nicht genug Geld für sie da ist. Also sollen Krankenhäuser Gewinn machen, um Geld für ihre notwendigen Investitionen zu haben. Das bringt  Einsparungen des Personals und eine gewaltige Überlastung der verbleibenden Mannschaft mit sich. Es führt darüber hinaus dazu,  dass Verwaltungen wirtschaftliche Gesichtspunkte vor medizinische stellen. Es ist ein Unsinn, Krankheiten als einen Wirtschaftsfaktor anzusehen, der Gewinn machen muss! Auch das lässt sich nur ändern, wenn für das eigentliche Gesundheitswesen mehr Geld zur Verfügung gestellt wird. Einsparpotential dafür gibt es sicher im Bereich der Verwaltung. 

In Ihrer Zeit als Präsident wurde erst kürzlich die Zertifizierung von Kontinenz- und Beckenboden-Zentren auf den Weg gebracht. Bedeutet das für die niedergelassenen Urologen eine Einschränkung oder Erweiterung für ihre Tätigkeit?

Natürlich ist nicht jeder Patient gleich ein Fall für das zertifizierte Beckenboden Zentrum. Diese werden jedoch durch ihre Besetzung mit Urologen, Gynäkologen sowie Proktologen fachlich oft erforderlich sein. Dass sich die Urologen hier einbringen, wird die Position der Urologie eher stärken. Irgendwelche  Befürchtungen sind da sicher fehl am Platz.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft der Urologie?

Mein größter Wunsch für die Urologie ist ein gutes Verhältnis zwischen DGU und Berufsverband, wie es längst fällig wäre.

Herr Professor Hakenberg, vielen Dank für das Interview und die besten Wünsche für einen erfolgreichen Kongress in Hamburg!

(Das Interview führte Dr. Walther Grohmann, Urologe, München)