Lebenslange Nachsorge bei Keimzellentumoren

30.09.2019

Bildgebende Nachsorgeempfehlungen in den Leitlinien – z.B. der aktuellen Konsensusversion der  deutschen S3-LL oder der EAU-LL– enden stadienabhängig spätestens nach fünf Jahren. Empfehlungen zur lebenslangen Nachsorge fokussieren - mit Ausnahme der Tumormarker -  auf die therapiebedingten Spättoxizitäten. Tatsächlich sind Spätrezidive selten, aber noch nach vielen Jahren möglich. Mittels Serummarker sind sie nicht immer zu erfassen (s.u. Publikation von Wong et al.) und, insbesondere bei später Diagnose, zu einem signifikanten Prozentsatz letal.

Eine Studie, vorgestellt auf dem diesjährigen GU-ASCO in San Francisco, und eine weitere Studie, präsentiert auf dem aktuellen AUA in Chicago, beschreiben das Risiko spätere Rezidive: Outcome of men with relapses after adjuvant BEP for clinical stage I nonseminoma. Fischer et al. (GU-ASCO 2019)

Eigentlich sind Spätrezidive bei Patienten im klinischen Stadium I nach 3 Jahren nicht mehr zu erwarten. In der retrospektive Studie von Fischer et al. aus 18 Zentren / 11 Ländern konnten gleichwohl  51 Patienten mit Rezidiven identifiziert werden, die alle korrekt mittels  Orchiektomie und 1-2 Zyklen PEB therapiert wurden (ein signifikanter Unterschied zwischen einem Zyklus und zwei Zyklen postoperativ fand sich übrigens nicht). Die mediane Zeit bis zum Rezidiv betrug zwar nur 13 Monate, 29% hatten jedoch ein Spätrezidiv (≥ 3 Jahre)  das späteste Rezidiv wurde nach 26 Jahren (!) festgestellt.  Nach subsequenter Therapie (Operation ± Chemotherapie oder Chemotherapie allein) erlitten 29% ein weiteres Rezidiv; 9 Patienten (17% des Gesamtkollektivs) verstarben.

Das Fazit der Autoren: Es gibt eine beträchtliche Rate von späten und nachfolgenden Rezidiven auch im klinischen Stadium I des Nichtseminoms. Spätrezidive haben ein erhöhtes Sterberisiko.

Patienten und Ärzte müssen darüber und die Bedeutung einer lebenslangen Nachsorge informiert werden.

Eine Therapieintensivierung beim ersten Rückfall sollte in Betracht gezogen werden.

Clinical Features and Outcomes of Secondary Somatic Malignancy Arising from Teratoma in Late Relapse Germ Cell Tumor Nathan Wong et al. (AUA 2019)

Spätrezidive (in dieser Studie > 2 Jahre) sind mit einem erhöhtem Risiko von sekundären somatischen Malignitäten (SSM) verbunden. Die retrospektive Multicenterstudie von Wong et al konnte von  1985 bis 2018 46 Patienten identifizieren. Die mediane Zeit zur SSM-Diagnose betrug 10,4 Jahre (2,3 – 38,1 Jahre). Histologie: 25 Adenocarcinome, 14 Sarkome, 3 „poorly differentiated neoplasm“ , 2 Wilms Tumore,  1 primitiven neuroektodermalenTumor (PNET), 1 Gliom, verteilt auf das  Retroperitoneum (26) – nur 10 / 26 hatten initial eine RPLND (7 / 10 mit einem Teratom)  - , Pelvis (7), Lunge (6), retrokrural (3), Mediastinum (2), Nacken (1)  Duodenum (1).

Die Diagnose erfolgte nur zu 17% über eine Surveillance-Bildgebung, in 24% über Tumormarker, die Mehrheit (59%!) über die Symptomatik. 12 Patienten (26%) sind verstorben.

Das Fazit der Autoren: SSM ist eine wichtige potenzielle Komplikation der Spätrezidive von Keimzelltumoren und scheint mit der fehlenden Resektion retroperitonealer Metastasen in Verbindung zu stehen. Entscheidend ist eine frühzeitige Identifizierung im Rahmen einer lebenslangen Nachsorge.

Autor: Dr. med. Wolfgang Rulf, Erkrath