Der ältere Patient in der uro-onkologischen Praxis

Im Gespräch mit Dr. med. Clemens Linné, Urologe aus Dresden

Der ältere Patient in der uro-onkologischen Praxis

Im Gespräch mit Dr. med. Clemens Linné, Urologe aus Dresden

Sie befassen sich als Urologe bereits seit einigen Jahren intensiv mit der Behandlung geriatrischer Patienten, engagieren sich im Arbeitskreis Urologische Geriatrie der DGU. Was gab hierfür den Anstoß?

In meiner täglichen Praxis beobachte ich seit Längerem - und das geht sicher sehr vielen Kollegen so - den immer höher werdenden Anteil hochbetagter Patienten. Kein Fachgebiet wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren, bedingt durch die demografische Entwicklung, eine Zunahme älterer Patienten erleben wie die Urologie. Im Gegensatz dazu erscheint mir das Wissen darüber recht gering. Daher haben wir 2017 anlässlich des DGU-Kongresses in Dresden die Initiative ergriffen, den DGU-Arbeitskreis „Urologische Geriatrie“ unter der Leitung von Prof. Wiedemann aus Witten an der Ruhr zu gründen und engagieren uns für dieses Thema.

Welches geriatrische Patientenklientel sehen Sie in Ihrer uro-onkologischen Praxis und was sind die Herausforderungen?

Die Patienten, die wir in unserer Praxis sehen, werden immer älter und multimorbider, wirken und fühlen sich aber oftmals jünger. Das stellt uns vor einige Herausforderungen.

Die größte Herausforderung, die sich gerade in der Uro-Onkologie zeigt, ist die Multimorbidität. Hier gilt es genau zu prüfen, welche Erkrankungen hat der Patient über die urologische Erkrankung hinaus, wie fit ist er, welche Medikamente nimmt er ein und in welchem Umfeld lebt der Patient.

Darüber hinaus werden Diagnose und Therapien gerade in der Onkologie immer anspruchsvoller. Das gilt in gleichem Maße für die Therapieoptionen, die sich auch immer mehr in den ambulanten Sektor verlagern und insbesondere für medikamentöse onkologische Therapiekonzepte.

Aber auch die Patienten selbst werden anspruchsvoller. Es ist unbestreitbar, dass viele hochbetagte Patienten heute fitter sind als vor Jahren und sich jünger fühlen. Sie beanspruchen für sich Therapien, die eine hohe Lebensqualität bieten, Freizeitaktivitäten und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und natürlich, dass möglichst alle bestehenden Therapieoptionen ausgenutzt werden.

Last but not least: Unsere Patienten sind dank moderner Medien und vielfältiger Informationsquellen heute sehr gut über ihre Krankheit und Therapiemöglichkeiten informiert. Unserer Aufgabe ist es, mit ihnen gemeinsam patientenindividuell bestehende Therapieoptionen abzuwägen. Das erfordert auch eine gute Kommunikation mit dem Patienten.

Definition geriatrischer Patient
Wie bewerten Sie den Zustand geriatrischer Patienten vor Operationen oder belastenden medikamentösen Therapien?

In der Regel kennt man den Patienten aus der langjährigen Betreuung und Behandlung und kann sich insoweit meist ein gutes Urteil über seine Fitness und die Fähigkeit, eine komplexe onkologische Therapie zu erhalten, bilden.

Darüber hinaus stehen auch Hilfsmittel wie geriatrische Assessments zur Verfügung, die schon aus Gründen der Dokumentation zu empfehlen sind. Wir nutzen in unserer Praxis den G8-Fragebogen, dieser ist validiert und erfordert meist nur einen geringen Zeitaufwand. Alternativ kann auch der Barthel-Fragebogen in der erweiterten Version genutzt werden. Ein solches Assessment kann auch schon vor dem Patientenkontakt mit dem Arzt zum Beispiel mit Unterstützung der Medizinischen Fachassistenz ausgefüllt werden. In einzelnen Bundesländern ist die Durchführung eines geriatrischen Assessments bei Aufnahme in die Klinik sogar vorgeschrieben.

Ein besonderes Augenmerk legen wir auf den Medikationsplan, der allzu oft einen erstaunlich großen Umfang aufweist und sehr viele Informationen liefert. Grundsätzlich sollte vor einer belastenden Therapie eine Reduzierung der Medikation überprüft werden. Dies kann beispielsweise durch den Aufenthalt in einer geriatrischen Tagesklinik passieren. Der Patient geht dazu vor der Behandlung oder OP zu einem 14- tägigen Aufenthalt in eine geriatrische Tagesklinik und wird dort umfassend untersucht und betreut, insbesondere hinsichtlich Polypharmazie überprüft und ggf. neu eingestellt. Die Patienten kommen nach unseren Erfahrungen häufig mit deutlich weniger Medikamenten aus der Tagesklinik zu uns zurück und es geht ihnen oftmals sogar besser. Die Patienten werden auch sozial und ergotherapeutisch begleitet und damit auch ihre Kondition verbessert. Wichtig und ein großer Vorteil dieser Maßnahme, die wir an unserer benachbarten Klinik durchführen lassen, ist die Koordination der gesamten Behandlung, denn Geriatrie ist eine multidisziplinäre Angelegenheit.

Eine gute Patientenkommunikation ist wichtig und eine der Herausforderungen. Was ist in der Kommunikation mit den Patienten zu beachten?

Die Patienten und ihre Angehörigen sind meist über ihre Krankheit und bestehende Therapieoptionen informiert. Um gemeinsam mit ihnen die bestehenden Therapieoptionen realistisch abzuwägen, braucht es eine gute Kommunikation. Wir führen das Gespräch sehr klar und offen, meist und vorzugsweise gemeinsam mit den Angehörigen. Wichtig für die Abwägung der bestehenden Optionen ist ein realitätsbezogenes Gespräch über die aktuellen Befunde und bestehende Therapieoptionen und dies immer im Kontext der Gesamtsituation und des Lebensumfeldes des Patienten. Dies zu vermitteln und den Patienten mitzunehmen und einzubinden, ist eine zentrale Aufgabe.

Auch wenn ein solches Gespräch vielleicht etwas länger dauert, so ist es doch am Ende immer lohnend für beide Seiten. Die in derartigen Gesprächen erzielten Absprachen und Vereinbarungen sollten immer gut dokumentiert werden.

Die demografische Entwicklung geht weiter. Worauf wird es in Zukunft ankommen?

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“. Das Zitat, das Joachim Fuchsberger zugesprochen wird, trifft es sehr gut und es trifft uns alle.

Für uns als Urologen wird es darauf ankommen, den geriatrischen Patienten bei bestehenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen medizinisch optimal zu versorgen. Dieses Spannungsfeld wird in der urologischen Praxis künftig eine immer größere Rolle spielen. Für uns als Ärzte ist dies nicht nur eine medizinische, sondern auch ethische Aufgabe und Herausforderung.

Dr. med. Clemens Linné, Facharzt für Urologie
Urologische Gemeinschaftspraxis in Dresden, Akademische Lehrpraxis an der TU Dresden

Foto: Pixelschieber Dresden